Rhön-Grabfeld | Beitrag der Redaktion | 16. September 2026
Herbstliche Heilpflanzen aus der Rhön – mit Melanie Sachs-Resch

Dr. phil. Melanie Sachs-Resch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Heilpflanzen, Kräuterwanderungen und der Verarbeitung von Wild- und Heilpflanzen. In ihrer Manufaktur – Schule der Kräuterverarbeitung in der Rhön verbindet sie dieses Wissen mit traditionellen und modernen Zubereitungsmethoden.

Für unseren Gastbeitrag nimmt sie euch mit auf einen herbstlichen Streifzug durch die Rhön und zeigt, welche Pflanzen jetzt interessant sind, worauf ihr beim Sammeln achten solltet und was sich anschließend daraus herstellen lässt.

Warum du dich jetzt in die Hecken schlagen solltest

Der Sommer ist vorbei. Ab Herbst verändert sich, was draußen zu holen ist: nicht mehr Blatt und Blüte, sondern Frucht, Same und Wurzel. Die Pflanzen ziehen sich nun zurück, konzentrieren sich, und genau das macht sie jetzt so wirkstoffreich. Auch in der Rhön gibt es gerade genügend Gründe, öfter mal stehen zu bleiben.

© Alle Bilder wurden von Melanie Sachs-Resch zur Verfügung gestellt.

Hagebutte, Schlehe und Weißdorn: Was jetzt zu finden ist

Hagebutte: Rot leuchtend am Wegesrand

An Hecken und Waldrändern leuchten sie jetzt rot, die Frucht der Wildrose, randvoll mit Vitamin C, Carotinoiden und Polyphenolen. Traditionell wird die Hagebutte bei ersten Erkältungszeichen genutzt, als Immunstütze für die kalte Jahreszeit.
Interessant dabei: Für die entzündungshemmende Wirkung, die man ihr auch bei Gelenkbeschwerden nachsagt, sind weniger das Vitamin C, sondern vor allem die enthaltenen Galaktolipide verantwortlich, ein Wirkstoff, der erst in den letzten Jahren genauer erforscht wurde. Frisch zu Mus verarbeitet, getrocknet als Tee oder als Oxymel angesetzt, ein Auszug in Honig und Essig: Der Aufwand hängt von der Methode ab. Für Mus müssen Kerne und die feinen, hautreizenden Härchen erst mühsam raus, beim Oxymel dürfen sie einfach mit rein. Aus den Kernen selbst lässt sich sogar noch ein eigener Tee brühen, der in der Volksmedizin traditionell bei Blasen- und Nierenbeschwerden sowie bei Rheuma genutzt wird.

Schlehe: Herb, säuerlich und nicht nur nach dem ersten Frost interessant

Oft findet man sie direkt daneben, aber man sammelt sie meist etwas später: die Schlehe. Die Früchte sind dunkelblau, herb-säuerlich und voller Gerbstoffe, Flavonoide und Anthocyane. Die Gerbstoffe machen sie zum klassischen Mittel bei empfindlicher Verdauung, adstringierend und leicht zusammenziehend. Traditionell erntet man sie erst nach dem ersten Frost, der die Säure mildert.
Das muss man aber nicht abwarten: Ein paar Tage im Gefrierfach wirken genauso und sind deutlich planbarer als das Wetter. Verarbeiten kann man sie zu Gelee, Likör oder auch zu einem herbstlichen Chutney verarbeiten. Die Kerne selbst isst man nicht mit, sie enthalten Amygdalin und setzen beim Zerbeißen Blausäure frei. 

Weißdorn: Die dunkelroten Früchte des Herbstes

Auch der Weißdorn lohnt sich jetzt. Seine roten Früchte gelten seit Jahrhunderten als das Herzkraut schlechthin, reich an oligomeren Procyanidinen und Flavonoiden, traditionell eingesetzt bei nachlassender Herzkraft und leichten Kreislaufbeschwerden. Anders als bei vielen Heilpflanzen ist die Wirkung hier auch klinisch solide untersucht: Mehrere randomisierte Studien bestätigen eine messbar verbesserte Herzleistung. Verarbeitet zu Mus, Tinktur oder Elixier, ist er eine der am meisten unterschätzten Herbstpflanzen der Region.

Auch unter der Erde wird es interessant

Und dann, gern übersehen: der Blick nach unten. Viele mehrjährige Pflanzen ziehen sich jetzt in ihre Wurzeln zurück, der Löwenzahn zum Beispiel. Im Herbst geerntet, steckt seine Wurzel voller Bitterstoffe und Inulin, die Leber und Galle anregen und die Verdauung in Schwung bringen. Für Tee wird sie getrocknet, für eine Tinktur kann man sie auch frisch ansetzen.

Bevor der Korb voll wird: ein paar Regeln

Sammeln in der Rhön heißt auch, genau zu wissen, wo und was man darf. Die Region hat mehrere Naturschutzgebiete, etwa die Lange Rhön mit ihren weiten Bergwiesen. Dort gilt grundsätzlich: Sammeln ist verboten, es bleibt alles stehen. Die Arnika steht darüber hinaus als Art unter Naturschutz, ganz unabhängig vom Ort: Sie bleibt stehen, egal ob im Schutzgebiet oder am Wegrand.

Auch sonst gilt: Vor dem Pflücken mehrere Merkmale gleichzeitig prüfen, Blattform, Fruchtstand, Standort, und im Zweifel lieber stehen lassen als raten. Auf Bestimmungs-Apps sollte man sich dabei nicht allein verlassen, sie erfassen oft nicht alle relevanten Merkmale, am besten lernt man das ohnehin auf einer Kräuterwanderung. Sammle nicht direkt am Straßenrand oder in der unmittelbaren Nähe konventionell bewirtschafteter Flächen. Und lasse immer so viel stehen, dass genug nachwächst, für die Pflanze selbst und für alle, die von ihr leben.

Verarbeiten ist die eigentliche Kunst

Was danach passiert, finde ich fast spannender als das Sammeln selbst. Getrocknet, als Tee, in Alkohol, Öl, Essig oder Honig ausgezogen: Dieselbe Pflanze wird durch die Methode zu etwas ganz anderem, mit anderer Wirkung, anderem Geschmack, anderer Haltbarkeit.

Kräuterwissen selbst erleben

Genau darum geht es bei meinen Kräuterwanderungen und in der Manufaktur – Schule der Kräuterverarbeitung hier in der Rhön: Wild- und Heilpflanzen nicht nur erkennen, sondern verstehen, wann welcher Pflanzenteil dran ist, welche Wirkung er mitbringt und wie er sich sinnvoll weiterverarbeiten lässt.

Passend zur Jahreszeit startet das Herbst-Modul am 18. September genau mit einer meiner Lieblingszubereitungen: dem Oxymel. Und wenn Du Lust bekommen hast, dich mit mir zusammen in die Hecken zu schlagen, komm am 4. Oktober zur letzten Kräuterwanderung in diesem Jahr.

Alle Informationen findest du auf meiner Website.

Kontakt: kontakt@wildepflanzenkraft.de oder folge mir auf Instagram @wildepflanzenkraft


Vielen Dank, liebe Melanie, für diesen Einblick in die Herbstkräuterkunde! Ich habe direkt Lust bekommen, wieder mal selber raus zu gehen und meine Kräuter zu sammeln. Auch deine Workshops hören sich sehr spannend an. 😊 💜